Zu viel „Copy-Paste“ bei der FDP

Dass Parteien im Wahlkampf für gewöhnlich gewisse Standpunkte fallen lassen, wenn diese nicht ausreichend kompatibel mit der Meinung der Bevölkerung und vor allem aber mit der der eigenen Wählerschaft sind, ist hierzulande, wie anderswo in der Welt, nichts Neues. Auch, dass mache Parteien eher für ein solches „Umfallen“ bekannt sind als andere, dürfte wohl kaum noch jemanden überraschen. Dass es aber manche Parteien immer wieder schaffen, ihr Umfaller-Image mit Aktionen, Äußerungen und 180°-Wendungen zu untermauern, ist dann vielleicht doch nicht so alltäglich.

 

Angefangen hat alles kurz nach dem Atom-Umglück im japanischen Problemreaktor Fukushima: Die Bundeskanzlerin, bisher weniger als Umfallerin bekannt, stoppt per Moratorium die erst im vergangenen Jahr, womöglich entgegen der Verfassung, beschlossene Verlängerung der Laufzeiten für die deutschen Atomreaktoren und veranlasst darüber hinaus, dass die acht ältesten unter ihnen für mindestens drei Monate vom Netz gehen. Nicht ganz unerwartet stößt diese Entscheidung bei der Opposition auf wenig Gegenliebe und lässt zugleich auch erste Stimmen laut werden, die hinter der – allzu überraschenden – Sinneswandlung der Pro-AKW-Koalition nicht mehr, und nicht weniger als ein Täuschungsmanöver zugunsten der Landtagswahlkämpfe in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sehen. Spätestens seit der Protokoll-Affaire um Rainer Brüderle von der FDP steht dies bei vielen Bundesdeutschen außer Frage.

 

Wer nun aber dachte, dass das bereits der “Umfall-Höhepunkt” des ersten Quartals 2011 war, der hatte entweder die FDP, oder aber –  viel schlimmer – die Landtagswahlen am vergangenen Sonntag nicht mehr auf dem Schirm. Hier zeigt sich jetzt, wie flexibel manche Parteien doch reagieren können, wenn es um nicht weniger als die politische Existenz geht! Hart getroffen vom Abrutsch in die politische Bedeutungslosigkeit in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz sowie dem dramatischen Einbruch in Baden-Württemberg, beginnen die Liberalen wieder mit dem, was sie schlussendlich immer noch am Besten können: dem Umfallen!

 

Während Kanzlerin Merkel es vermochte, ihr Umfallen in der Atompolitik, medienwirksam geschickt, mit persönlichen Worten und Empfindungen zumindest plausibel erscheinen zu lassen, misslang es den Liberalen, die stets als Verfechter der Atomenergie bekannt waren, stets Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Dafür gestraft von den Wählerinnen und Wählern zweier doch eher als konservativ geltenden Bundesländern sehen die Liberalen, allen voran deren Generalsekretär Christian Lindner, den einzigen Weg aus der Krise darin, erneut „Umzufallen“ und dabei mal eben viele in den letzten Jahren, wenn nicht sogar im gesamten letztem Jahrzehnt, propagierte Themen über Bord zu werfen, oder sogar weitergehend selbige zu verraten.

 

Das Rezept der FDP erinnert dabei in Grundzügen an jenes, mit welchem Karl-Theodor zu Guttenberg womöglich seine Doktorarbeit verfasste. Wahrscheinlich noch im Kater der Wahlnacht haben sich die Liberalen also daran gemacht, mit einer großen Tube „Copy-Paste“ in der Hand zu analysieren, welche Themen aktuell gut beim Wähler anzukommen scheinen. Wohl ebenfalls im Eifer des Gefechts haben die FDP-Spitzenpolitiker um Außenminister Westerwelle dabei wohl aber vergessen, die gefundenen Themen auf Kompatibilität mit dem Parteiprogramm zu prüfen, bevor man damit die Medienlandschaft belastet.

 

Zur Freude der Opposition fiel die Wahl für das neue, vorläufige Lieblingsthema der FDP dann auf die Schrottreaktoren auf deutschem Staatsgrund. Das, wofür die Grünen und die SPD sich bereits seit Jahren einsetzen und im gemeinsamen Energie-Konsens mit der Wirtschaft manifestierten, scheint den Liberalen, damals noch ärgste Feinde jenes Konsens, auf einmal derartig gut zu gefallen, dass sie es noch übertreffen wollen.

 

Als die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer den Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Kernenergie beschloss, wurden noch schwarz-gelbe “Panik-Märchen” erzählt, in denen es von Strom-Mangel und ausgehenden Lichtern nur so wimmelte, wurden Parteien angefeindet und klar angekündigt, dass das, was der böse, grimmige politische Feind dort beschlossen habe, wieder rückgängig gemacht werde, sobald man selbst wieder an der „Macht“ sei. Was bis dahin ein politisch und ideologisch motiviertes Vorgehen war, mutierte schlussendlich sogar in ein womöglich verfassungswidriges Gesetzespaket, mit dem es der Regierungskoalition jedoch gelang, ihre Glaubwürdigkeit zumindest in diesem Punkt deutlich zu untermauern. Dass dabei die aktuelle Gemütslage der Bevölkerung völlig außen vor gelassen wurde, zeigte sich nicht zuletzt an den Reaktionen auf der Straße. Dies ließ die Bundesregierung, vor allem die FDP, aber kalt. Uneinsichtig wie ein Greis, der sich gegen jegliche Form von Modernisierung stellt, verteidigten Christdemokraten und Liberalen ihre Entscheidung immer wieder.

 

Dass irgendwann einmal der Zeitpunkt kommen könnte, an dem sich die eigene Energiepolitik als haltlos erweisen könnte, war mit Sicherheit jedem, der an diesem Gesetzespaket in irgendeiner Form mitgewirkt hat bewusst, wurde aber mit noch größerer Wahrscheinlichkeit verdrängt, denn die regelmäßigen Störfälle in deutschen Atomkraftwerken spielte zu diesem Zeitpunkt in der Medienlandschaft keine Rolle und seit Tschernobyl war es auch zu keinem weiteren GAU in einem Atomreaktor gekommen. Aus Regierungs-Sicht machte Mutter Natur leider die Hoffnung, dass dies auf längerfristige Sicht so bleiben würde,  innerhalb kürzester Zeit einen Strich durch die Rechnung. Binnen Stunden reichte es, den Fernseher einzuschalten, um das zu erfahren, wofür bis vor kurzem noch ein Blick in die Geschichtsbücher und TV-Archive notwendig gewesen wäre: Atomkraft ist ein unkontrollierbares Risiko für Leib und Leben.

 

So grausam dieser Unfall für die Japaner sein mag, so unvorteilhaft stellte sich der von Mutter Natur dafür gewählte Zeitpunkt für die Bundesregierung da: Mitten im Wahlkampf wurde die eigene Energiepolitik entblößt und stand für jeden offen einsehbar am Pranger der Medien. Es war also eine vor allem schnelle und den Wähler beruhigende Lösung gefragt, ein Moratorium. Binnen Tagen schaffte es die Bundesregierung, das auszusetzen, was sie zuvor über einen langen Zeitraum erarbeitet und erstritten hat. Wohl einziges Ziel dieser Aktion: den Wähler nicht verschrecken. Nachdem der Erfolg dieses Schnellschusses nicht zuletzt auch dank der Protokoll-Affaire ausblieb, musste jetzt, vor allem für den großen Verlierer der Wahlen, die FDP, eine neue Strategie her, um verlorenes Wählervertrauen für die noch anstehenden Landtagswahlen möglichst schnell zurück zu gewinnen. Bevorzugtes Mittel dazu: die bereits erwähnte „Copy-Paste“!

 

Statt also, wie bisher beschlossen, die derzeit abgeschalteten sieben Schrottreaktoren nach einem dreimonatigen Moratorium mit aller Wahrscheinlichkeit wieder ans Netz gehen zu lassen, passt es der FDP auf einmal ins Bild, eben jene, noch vor wenigen Wochen angeblich zu den sichersten Atommeilern der Welt gehörenden, Schrottmühlen sicherheitshalber für immer vom Netz zu nehmen. Das bisher dreimonatige Moratorium soll also dauerhaft gelten und damit, wie bereits zuvor von SPD und Grünen gefordert, die betroffenen Atomkraftwerke abgeschaltet bleiben.

 

So schnell geht es in der Politik heute also: Kaum bist du mit deinen Kernthemen nicht mehr erfolgreich oder musst dich gar für Wahlkampflügen rechtfertigen, wird dort abgekupfert, wo gerade der Erfolg heimisch zu werden scheint. Anders als mit politischem Kalkül ist diese ruckartige Meinungsänderung objektiv gar nicht mehr zu begründen. Hier wird besseren Wissens das Erfolgsrezept einer anderen Partei nach den derzeit möglicherweise am ehesten die Wählergunst beeinflussenden Themen durchsucht, das Ganze dann in den Medien als eigene Intention ausgegeben und schlussendlich gehofft, dass der mündige Bürger diese dreiste Masche auch noch glaubt.

 

Die Rechnung hat die FDP dabei wohl aber ohne die Bundesbürger gemacht, die schon im Zuge der Landtagswahlen an den letzten beiden Wahlsonntagen gezeigt haben, dass sie im Normalfall das Original dem billigen Plagiat vorziehen. Sollte sich dieser Trend auch weiterhin fortsetzen, so könnte es für die Liberalen noch ein sehr bitteres Jahr 2011 werden.

Landtagswahlen am 27.03.2011

Am vergangenen Sonntag waren die Sachsen-Anhalter dazu aufgerufen, ihr neues Landesparlament zu wählen, exakt sieben Tage später werden die Bewohner von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zum Urnengang gebeten. Damit ihr bereits vor der Wahl bestens über alles informiert seid, haben wir die letzten Umfragen für beide Bundesländer analysiert:

Baden-Württemberg: Fotofinish im Kernland der CDU
Während der Proteste gegen Stuttgart 21 zeigte sich im politischen Stimmungsbild erstmals in der bundesdeutschen Geschichte eine Mehrheit für eine Regierungskoalition unter grüner Führung, anschließend konnten sich CDU und FDP jedoch deutlich erholen, sodass es am kommenden Sonntag zu einer Kopf-an-Kopf-Entscheidung kommen wird. Gelingt es den Grünen, die im Zuge der Reaktorkatastrophe von Fukushima noch einmal einen Schub in den Umfragen erhielten, im Landtag zweitstärkste Kraft zu werden, droht der CDU in ihrem Kernland der politische Super-GAU. Nicht nur, dass in der aktuellsten Umfrage eine grün-rote Koalition die absolute Mehrheit hätte, sondern vielmehr auch, dass die Koalition gemäß dieser Umfragen unter grüner Führung stehen würde, macht den Christdemokraten zu schaffen. Schließlich regieren sie in Baden-Württemberg seit etwa 60 Jahren.

Die wichtigsten Kandidaten:

Stefan Mappus (CDU)
wurde am 4. April 1966 geboren und ist seit dem 10. Februar 2010 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Mappus absolvierte an der Universität Mannheim das Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, welches er als Diplom-Ökonom abschloss.
Politisch begann Mappus' Kariere mit dem Eintritt in die Junge Union 1983 und zwei Jahre später in die CDU. Er war von 1994 bis 2010 Kreisvorsitzender der CDU Enzkreis/Pforzheim. Von 2005 bis 2009 stellvertretender Landesvorsitzender in Baden-Württemberg und wurde anschließend Landesvorsitzender. Seit 1996 hat Stefan Mappus auch das Direktmandat für den Landtagswahlkreis Pforzheim inne.

Nils Schmid (SPD)
wurde am 11. Juli 1973 in Trier geboren und ist seit 2009 Landesvorsitzender der SPD in Baden-Württemberg. Schmid studierte an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen Rechtswissenschaften und ist seit 2001 als Rechtsanwalt zugelassen.
Schmid ist seit 1991 Mitglied der SPD und war zwischen 1996 und 1998 stellvertretender Landesvorsitzender der JuSos in Baden-Württemberg. Er gehört seit 1993 dem Kreisvorstand der SPD in Esslingen an, seit 1999 ist Niels Schmid Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Nürtingen. 2009 wurde Schmid auf dem Landesparteitag der SPD in Karlsruhe mit 88,63 Prozent der Stimmen zum Landesvorsitzenden der SPD in Baden-Württemberg gewählt.

Winfried Kretschmann (Die Grünen) wurde am 17. Mai 1948 geboren und ist Mitglied des Landesparteirats der Grünen. Kretschmann hat nach dem Abitur an der Universität Hohenheim Biologie und Chemie auf Lehramt studiert und legte 1977 das Staatsexamen ab. Nach dem Studium trat er eine Stelle als Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik an.
Kretschmann wirkte 1979/80 bei der Gründung der Grünen Baden-Württemberg mit und wurde bereits 1980 erstmals in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt. Von 1985 bis 1986 war Kretschmann unter Umweltminister Joschka Fischer Grundsatzreferent in Hessen. 2002 wurde er zum Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg gewählt und war bereits 2006 Spitzenkandidat seiner Partei.

 

Wenn am Sonntag Landtagswahl in Baden-Würtemberg wäre…
CDU 38 %
SPD 22 %
Die Grünen 25 %
FDP 6 %
Die Linke 4 %
Sonstige 5 %

 

Mögliche Koalitionen: (Absolute Mehrheit:  46 %)
Große Koalition (CDU / CSU und SPD) 60 %
Rot-Grün (SPD und Grüne) 47 %
Schwarz-Grün (CDU / CSU und Grüne) 63 %
Rot-Gelb-Grün (SPD, FDP und Grüne) 53 %

Rheinland-Pfalz: Die Grünen als Königsmacher
Neben dem Landtag von Baden-Würtemberg wird am kommenden Sonntag auch in Rheinland-Pfalz ein neuer Landtag gewählt. Anders als im Kernland der CDU jedoch regiert in Rheinland-Pfalz seit 1991 die SPD, seit 1994 unter Ministerpräsident Kurt Beck, der bei der letzten Landtagswahl 2006 mit der SPD sogar die absolute Mehrheit erreichte. Im Gegensatz zum Bundestrend liegt die SPD zwar noch immer deutlich jenseits der 30 Prozent Marke, wird aber aufgrund der wiedererstarkten Grünen die absolute Mehrheit nicht erneut erreichen, sondern zukünftig wohl an der Spitze einer rot-grünen Landesregierung stehen, denn diese werden nach der Landtagswahl als Königsmacher da stehen und sowohl mit der SPD als auch mit der CDU regieren können.

Die wichtigsten Kandidaten:

Kurt Beck (SPD)
wurde am 5. Februar 1949 geboren und ist seit 1994 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und damit der am längsten amtierende Ministerpräsident in Deutschland. Beck absolvierte zwischen 1963 und 1968 eine Ausbildung zum Elektromechaniker und trat 1968 der heutigen ver.di bei.
Beck trat 1972 in die SPD ein und wurde 1974 Mitglied des Kreistags Südliche Weinstraße gewählt, 1989 wurde er zum Ortsbürgermeister von Steinfeld gewählt. Beide Ämter legte er im Zuge seiner Wahl zum Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz nieder. Seit 2003 war Kurt Beck unter Gerhard Schröder, Franz Müntefering und Matthias Platzeck stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und zwischen 2006 und 2008 Bundesvorsitzender.

Julia Klöckner (CDU)
wurde am 16 Dezember 1972 geboren und ist seit dem 25. September 2010 Landesvorsitzende der CDU in Rheinland-Pfalz. Nach dem Abitur studierte sie Politikwissenschaft, katholische Theologie und Pädagogik. 1998 schloss sie das Studium mit dem Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien in den Fächern Sozialkunde und Religion sowie dem Magister Artium ab. Von 1998 bis 2002 war Klöckner freie Mitarbeiterin beim SWR-Fernsehen sowie von 2001 bis 2009 Chefredakteurin des Sommelier-Magazins.
Klöckner trat 1996 der Jungen Union, der Frauen Union sowie der CDU bei und war 2001 bis 2007 Mitglied des Kreisvorstandes der Jungen Union Bad Kreuznach. 2002 wurde sie in über die Landesliste Rheinland-Pfalz in den Deutschen Bundestag gewählt und war dort unter anderem Stellvertretenden Sprecherin und stellvertretende Vorsitzende der Jungen Gruppe der CDU / CSU-Bundestagsfraktion. Auf Landesebene wurde Klöckner 2009 als Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2011 vorgeschlagen und vom CDU-Landesparteitag 2011 mit 99,5 Prozent der Stimmen als solche gewählt.

 
Wenn am Sonntag Landtagswahl in Rheinland-Pfalz wäre…
CDU 34 %
SPD 37 %
Die Grünen 14 %
FDP 6 %
Die Linke 4 %
Sonstige 5 %

 

Mögliche Koalitionen: (Absolute Mehrheit:  46 %)
Große Koalition (CDU / CSU und SPD) 71 %
Rot-Grün (SPD und Grüne) 51 %
Schwarz-Grün (CDU / CSU und Grüne) 48 %
Rot-Gelb-Grün (SPD, FDP und Grüne) 57 %

[Zweitveröffentlichung, zuerst veröffentlicht am 23.03.2011 unter "Landtagswahljahr 2011 - Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz" auf TechnoBase.FM von Florian Lillpopp.]

Die Fratze eines hofierten Diktators

In der arabischen Welt brodelt es. Nach den erfolgreichen Umstürzen in Tunesien und Ägypten verliert auch die Bevölkerung vieler anderer arabischer Staaten die Angst vor den Regimen und deren Schläger-Trupps. Aus Angst vor dem Verlust ihrer Macht setzen inzwischen immer mehr „Staatschefs“ in dieser Region auf das Militär, um die Proteste zu unterdrücken. Am stärksten eskaliert ist die Lage inzwischen im von Muammar al-Gaddafi regierten Libyen, wo die Armee, und andere vom Regime engagierte Milizen, gezielt auf Demonstranten schießen. Insgesamt sollen während der Proteste der letzten Tage bereits weit über 200 Menschen ihr Leben verloren haben. Hier zeigt sich die andere Seite eines Diktators, der in Europa gerne hofiert wird.

Informationen über die Proteste in dem Land am Mittelmeer sind, im Gegensatz zu jenen in Tunesien und Ägypten, deutlich schwieriger zu beschaffen, da weder Internet noch Handynetze dauerhaft verfügbar sind. Ausländische Journalisten mussten das Land verlassen, die einheimische Presse wird mit Verboten in ihrer Arbeit stark eingeschränkt. Diejenigen, die es dennoch wagen, Informationen weiterzugeben, müssen jederzeit damit rechnen, von der Staatssicherheit verhaftet zu werden. Auch die Wohnungen von solchen „Informanten“ werden durch die Staatssicherheit zerstört. 

Hier versucht ein Regime sich mit grober Gewalt, mit klaren Verstößen gegen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ und mit Mitteln, wie wir sie in unseren Gefilden höchstens noch mit den Geschehnissen in der UDSSR vergleichen können. Muammar al-Gaddafi versucht sich hier mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln an der Macht zu halten und tritt damit sämtliche Grundrechte der Menschen vor den Augen seiner wichtigen Partner in Europa mit Füßen. 

Wenn sich ein Diktator nur noch mit Waffengewalt gegen seine eigene Bevölkerung zur Wehr setzen kann, ist es an der Zeit, dass sich die Europäische Union bewegt und klar von diesem Machthaber distanziert. Ein solcher Schritt ist aber bei Weitem nicht absehbar, denn die EU und vor allem die Mittelmeerstaaten haben Angst davor, dass das libysche Bollwerk, mit dem die EU sich vor den zahlreichen Flüchtlingen aus den ärmsten Regionen Afrikas zu schützen versucht, seine Pforten für eben jene öffnet und noch mehr Flüchtlinge auf Europas Küsten zu halten. 

Ist aber die Flüchtlingsproblematik ein Thema bei dem Europa sich mit Regimen quasi verbrüdern muss wie es Italiens „Frauenheld“ und Regierungschef Silvio Berlusconi in der Vergangenheit gerne tat oder kann sich der wohl fortschrittlichste Staatenbund der Welt auch ohne die Hilfe von Diktaturen gegen eben jene Problematik zur Wehr setzen? Spätestens wenn sich die Bevölkerung Libyens wie schon jene in Ägypten und Tunesien gegen ihren Diktator durchgesetzt haben, wird sich zeigen, ob und inwieweit Muammar al-Gaddafi wichtig für den Schutz der europäischen Außengrenze am Mittelmeer ein wichtiger Partner war. Wenn sich im Falle eines erfolgreichen Umsturzes auch in Libyen zeigen sollte, dass auch mit einem demokratisierten Libyen Europas Außengrenzen erfolgreich vor den Flüchtlingsströmen geschützt werden können, muss sich Europas politische Elite klar zu den Fehlern, die sie in diesen Tagen offensichtlich begeht bekennen.

Wenn sich bis zum heutigen Tag nur wenige europäischer Spitzenpolitiker, darunter der britische Außenminister, zu dem was in Libyen gerade geschieht, geäußert hat, kann das nicht nur die libysche Diktatur als „stillschweigendes Hinnehmen“ von Verbrechen gegen die Menschlichkeit werten, sondern vermittelt auch in anderen Ländern dieser Welt ein falsches Bild der europäischen Werte.

Wie heikel sich die Lage in Libyen bisweilen darstellt, zeigen Berichte von Geschäftsleuten, in denen es heißt, dass inzwischen nicht einmal mehr die libysche Armee auf die Demonstranten schießen würde, sondern vielmehr Soldaten und Milizen aus dem Tschad und dem Sudan. Wenn sich Teile der eigenen Armee gegen einen Diktator stellen, sollten auch in Europa und vor allem auch in Deutschland die Alarmglocken läuten, denn eine friedliche Revolution sollte die Bundesrepublik Deutschland aufgrund ihrer Vergangenheit nicht ignorieren dürfen.

Muammar al-Gaddafi würde ein Protest seiner europäischen Verbündeten zwar wahrscheinlich nicht sonderlich beeindrucken, sondern vielmehr einen diplomatischen Affront wie dem nach der Verhaftung seines Sohnes in der Schweiz nach sich ziehen, doch für diejenigen, die ihr Leben für eine Demokratisierung ihres Landes aufs Spiel setzen, wäre es ein Zeichen, dass sie nicht alleine stehen. Es kann nicht angehen, dass die Europäische Union mit einer Diktatur paktiert, die sich mit allen Mitteln militärischer Gewalt versucht an der Macht zu halten.

Wenn die Verantwortlichen der EU die Courage besitzen, sich gegen das Vorgehen ihres Partners, Muammar al-Gaddafi, zu stellen, könnte dies nicht nur den Protesten einen weiteren Schub geben, sondern würde vielmehr auch der Weltöffentlichkeit zeigen, dass die EU nicht bereit ist, zum Schutze ihrer Außengrenzen derartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu dulden. Sollte die EU dies nicht tun, könnte das der Außendarstellung aber auch den europäischen Prinzipien arg schaden.

[Zweitveröffentlichung, zuerst veröffentlicht am 20.02.2011 unter "Die Fratze eines hofierten Diktators" auf TechnoBase.FM von Florian Lillpopp.]

Revolution am Nil – Massenproteste in Ägypten

Erstmals in der neueren Geschichte der arabischen Welt hat das tunesische Volk einen Diktator ohne fremde Hilfe gestürzt, ähnliches bahnt sich inzwischen auch in anderen Staaten an. Vor allem in Ägypten, wo die Bevölkerung bereits seit Dienstag gegen das Regime von Präsident Hosni Mubarak protestiert, verschärft sich die Lage immer mehr. Für den gestrigen Freitag hat die Protestbewegung einen neuen Höhepunkt erreicht und man liefert sich offene Straßenschlachten mit der Polizei, die sich schlussendlich zurückziehen musste. Eine von Präsident Mubarak verhängte Ausgangssperre konnte nicht durchgesetzt werden.

 

Die politische Situation:
  • Präsident Hosni Mubarak ist mithilfe von Notstandsgesetzen bereits seit 1981 im Amt.
  • Seine Nationaldemokratische Partei (NDP) hat seit der letzten Wahl im Parlament eine verfassungsändernde Mehrheit.
  • Die Opposition ist politisch weitestgehend ausgeschaltet.
  • Von Präsident Mubarak im Jahr 2005 versprochene Schritte der politischen Öffnung des Landes wurden, nachdem die islamistische Muslimbruderschaft deutlich an Einfluss gewann, wieder revidiert.
 
Timeline der Proteste:
 
25.01.2011, Dienstag:
 
Beflügelt von den Ereignissen in Tunesien haben am vergangenen Dienstag mehrere zehntausend Menschen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo friedlich gegen das Regime um Präsident Hosni Mubarak protestiert. „Mubarak, hau ab“ oder „Hosni, es reicht – geh nach Saudi-Arabien“ skandierte die wütende Menge, die einem Aufruf der Oppositionsparteien gefolgt war. Diese hatte den Dienstag, an dem Behörden und Schulen aufgrund der Feierlichkeiten zum „Festtag der Polizei“ geschlossen waren, zum „Tag der Revolte gegen Folter, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit“ erklärt und damit die bis zu dem Zeitpunkt größten Proteste in der jüngeren Geschichte Ägyptens initiiert.

Die Polizisten, deren eigentlicher Festtag der 25. Januar war, mussten, anstatt zu feiern, massive Einsätze gegen die Demonstranten ausführen. Insgesamt weit über zehntausend Polizisten waren in Kairo, Alexandria, Suez, Mansura, Tanta, Assiut und Assuan im Einsatz, um die Proteste niederzuschlagen. Trotz des massiven Einsatzes von Tränengas und Schlagstöcken musste die Polizei sich vielerorts angesichts der großen Masse an Demonstranten zurückziehen. „Wir sind keine Feiglinge, wir haben keine Angst mehr“, skandierten viele der Demonstranten.

Im Verlauf der Proteste kamen offiziellen Angaben zufolge zwei Demonstranten während eines Protestmarsches in Suez ums Leben, in Kairo erlag nach Angaben des Staatsfernsehens ein Polizist den Folgen eines Steinwurfes. Alleine in Suez wurden außerdem mindestens 60 Demonstranten verletzt. 

 
26.01.2011, Mittwoch:
 
Um die Demonstrationen im Land in den Griff zu bekommen, ließ die Regierung in Kairo zunächst die Social-Media-Plattform Facebook und den Microblogging-Dienst Twitter sperren und versuchte später mithilfe von Massenverhaftungen, die Lage auf den Straßen der Großstädte Kairo und Suez in den Griff zu bekommen.

Ungeachtet all der Schikanen und der Gewalt seitens der Regierung und der Polizei gingen in beiden Städten erneut mehrere tausend Menschen auf die Straße, um gegen Präsident Mubarak und sein Regime zu protestieren. Alleine in Kairo versammelten sich am Mittwochabend erneut mindestens 2.000 Demonstranten, um gemeinsam über einen großen Boulevard zu ziehen. Auch in Suez kamen wieder über 1.000 Menschen zusammen. Sie forderten vor dem Leichenschauhaus der Stadt die Herausgabe des Leichnams eines bei den Protesten am Vortag ums Leben gekommenen Demonstranten.

Bei einem gewaltsamen Zusammenstoß zwischen der ägyptischen Polizei und den Demonstranten kam es erneut zu tödlichen Verletzungen durch Steine, die von beiden Seiten geworfen wurden. Offiziellen Angaben zufolge handelt es sich bei den Toten um einen Polizisten und einen Demonstranten..

 
27.01.2011, Donnerstag:
 
Auch am dritten Tag der Proteste in Ägypten gingen wieder zahlreiche Menschen gegen das Regime von Präsident Mubarak auf die Straße, doch die Ankündigung eines Einzelnen sorgte für viel mehr Aufsehen. Der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Chef der internationalen Atomenergieorganisation IAEG Mohamad ElBaradei hat in einem Interview angekündigt, sich an den von der Opposition für den kommenden Freitag ausgerufenen Großprotesten im Anschluss an das Mittagsgebet beteiligen zu wollen. Auch brachte sich ElBaradei als möglicher Revolutionsführer ins Gespräch. „Wenn die Menschen möchten, dass ich den Übergang anführe, werde ich sie nicht hängen lassen“, sagte der 68-Jährige in einem Interview.

Im Verlauf des Nachmittages entspannte sich die Lage in Kairo weitestgehend, in anderen Städten jedoch kam es weiterhin zu teils massiven Auseinandersetzungen. Augenzeugenberichten zufolge soll die Polizei in Ismailija mit Tränengas gegen die mit Steinen werfenden Demonstranten vorgegangen sein, in Suez kamen Wasserwerfer zu Einsatz.

                                                        
28.01.2011, Freitag:
 
Der 28.01.11 wird – soviel steht jetzt schon fest – als der Tag in die Geschichte der arabischen Welt eingehen, an dem das Volk Ägyptens endgültig seine Angst vor der Regierung verlor. Im ganzen Land folgten Hunderttausende Menschen dem Aufruf der Opposition nach dem Mittagsgebet, gegen Präsident Mubarak zu protestieren. Unter den Demonstranten war auch der am Vortag eingereiste Friedensnobelpreisträger ElBaradei.

Bereits um kurz nach 12:00 Uhr meldeten mehrere Medien, unter ihnen auch der Fernsehsender Al Jazeera, der im Verlauf des Tages zum federführenden Medium der Berichterstattung aus Ägypten wurde, erste Proteste aus mehreren Städten, unter anderem Alexandria. Im Verlauf des Tages nahmen diese und die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten immer weiter zu. Alleine in Suez sollen dabei Medienangaben zufolge mehr als 80.000 Menschen auf den Straßen gewesen sein. Wie Al Jazeera im Verlauf des Tages berichtete, hätten während der Proteste in Kairo mehrere Polizisten und Sicherheitskräfte ihre Uniformen abgelegt und wären auf die Seite der Demonstranten gewechselt. Hierbei handele es sich jedoch um Einzelfälle.

Die Frontenwechsel waren der Beginn eines Protestes, in dessen Verlauf die Polizei sich sowohl in Kairo als auch in Alexandria und Suez schlussendlich zurückzog und beinahe gänzlich aus der Öffentlichkeit verschwand. Vorangegangen war der vergebliche Versuch der Polizei, eine von Präsident Mubarak verhängte Ausgangssperre, die von 18:00 Uhr abends bis 7:00 Uhr morgens gelten sollte, durchzusetzen. Auch die zur Unterstützung der Demonstranten in die Städte Alexandria, Kairo und Suez beorderten Militäreinheiten ließen die Demonstranten gewähren und wurden von selbigen häufig mit Jubel empfangen.

Nachdem sich die Polizeikräfte weitestgehend zurückgezogen hatten, entlud sich die Wut der Masse immer mehr an den Hinterlassenschaften der Polizei. Im gesamten Land brannten zahlreiche Polizeifahrzeuge und auch die Zentrale der Regierungspartei, der Nationaldemokratischen Partei (NDP), ging in Flammen auf. Um die brennende Parteizentrale und das daneben gelegene ägyptische Museum vor weiteren Brandanschlägen und Plünderungen zu schützen, hat die Armee beide Gebäude mit einem Wall aus Armee-Fahrzeugen umstellt. 

 
Gegen 23:25 Uhr deutscher Zeit verkündete Hosni Mubarak im ägyptischen Fernsehen, dass er die Regierung zum Rücktritt aufgefordert habe und bereits morgen neue Minister ernennen wolle. Von einem Rücktritt seinerseits war jedoch nicht die Rede. Bereits wenige Minuten nach Mubaraks Rede verbreiteten die Menschenmassen in den Straßen von Kairo wieder bis in die Nacht ihre Forderungen nach Mubaraks Rücktritt.

Bei den Protesten am Freitag sind nach Angaben von mehreren Ärzten mindestens 18 Menschen ums Leben gekommen, die Zahl der Verletzten soll in die Tausende gehen. Von offizieller Seite gibt es diesbezüglich noch keine Informationen.

 
 
Fokus Internet:
 
Nachdem das Internet bereits bei der grünen Revolution im Iran und beim erfolgreichen Umsturz in Tunesien zum Hauptkommunikationsmedium der Protestbewegung wurde, hat es auch in Ägypten den Prozess der Revolution deutlich beschleunigt. Wenn die Koordination der Proteste ohne soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter deutlich schwieriger gewesen wäre, so ist es dank des Internets inzwischen möglich, binnen kürzester Zeit möglichst viele Menschen an unendlich vielen verschiedenen Orten gleichzeitig zu erreichen.

Den Vorteil dieser unkomplizierten Art, sich zu koordinieren, hatten sich auch die Organisatoren der Protestbewegung in Ägypten zunutze gemacht und über Facebook und Twitter sowohl zu den Aufständen aufgerufen als auch zentrale Orte des Protests verbreitet. Nachdem die ägyptische Regierung zunächst versuchte hatte, die Koordination zu unterbinden, indem sie Plattformen wie Twitter und Facebook kurzerhand sperren ließ, wussten sich die meist jungen Protestler mit Proxys und anderen Tricks zu helfen, sodass die ägyptische Regierung das Internet am Donnerstag gegen 23:20 Uhr deutscher Zeit schlussendlich komplett abschalten ließ. Noch immer haben nach Informationen von Al Jazeera etwa 88 Prozent der ägyptischen Bevölkerung keinen Zugang zum Internet und auch die Mobilfunknetze sollen abgeschaltet worden sein.

Nach Bekanntwerden der Nachricht, dass nach den Netzsperren während der Proteste in Tunesien nun auch in Ägypten bestimmte Internetseiten zunächst gesperrt und schlussendlich sogar das Internet komplett abgeschaltet worden war, hat die Internet-Gruppierung “Anonymous” der Regierung mit Angriffen auf deren Websites gedroht und diese unter dem Namen “Operation Egypt” auch gestartet. Im Zuge der Aktion rief “Anonymous” unter anderem dazu auf, die Faxnummern und E-Mail-Adressen der Regierung des Landes zu bombardieren.

„An die ägyptische Regierung: “Anonymous” ficht alle an, die an Zensurbemühungen beteiligt sind. “Anonymous” fordert, dass ihr im ganzen Land freien Zugang zu unzensierten Medien ermöglicht. Ignoriert ihr diese Nachricht, werden wir nicht nur eure Regierungs-Webseiten angreifen. Wir werden auch dafür sorgen, dass internationale Medien zu sehen bekommen, welch grausames Leben ihr euren Bürgern aufzwingt.“, erklärte die Organisation im Internet.

 
Fokus Al Jazeera:
 
Besonders ausgezeichnet hat sich im Zuge der Berichterstattung über die Proteste in Ägypten der arabische Fernsehsender Al Jazeera, der durchgängig live über die Proteste in den größten Städten Kairo, Suez und Alexandria berichtete und mit seinen Livebildern und Analysen die Proteste für viele Menschen überall auf dem Globus greifbar machte. 
 
 
Vor allem die Bilder von den Vorkommnissen rund um die Brücke des 6. Oktober in Kairo, aber auch jene von den Protesten in Suez und Alexandria, vermittelten Eindrücke von den Widerständen, wie es sie weder aus Tunesien noch von der grünen Revolution im Iran gegeben hat. Der Sender zeigte, wie die Menschenmassen auf die Polizeiketten zumarschierten, aber auch, wie die Polizei mit Panzerfahrzeugen auf die Demonstranten zuraste und dabei mit Gummigeschossen oder Tränengas in die Menge schoss.

Besonders eindrucksvoll waren dabei die Bilder von den Abendgebeten während der Proteste, als die Demonstranten an der Brücke des 6. Oktober innehielten und gemeinsam anfingen zu beten, während die Polizei auf ihren Stellungen verharrte.

 
Fokus Mohamad ElBaradei:
 
Mohamad ElBaradei ist inzwischen zu einem der Anführer der Proteste in Ägypten geworden. Nachdem er zu deren Beginn noch in Wien währte und die Entwicklungen in seinem Heimatland aus der Ferne betrachtete, reiste er am Donnerstag nach Kairo, um dort gemeinsam mit der Opposition gegen Präsident Mubarak zu demonstrieren.
 

INFOBOX
Mohamad ElBaradei war von 1997 bis 2009 Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA und wurde für seinen Einsatz gegen den Missbrauch von Atomenergie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Bereits im Februar 2010 war er eine der Hauptpersonen des Zusammenschlusses zahlreicher Oppositionspersonen in Ägypten zur nationalen Bewegung für Veränderung, die zu den Hauptinitiatoren des Protestes gegen Hosni Mubarak zählt.
 
Der Hoffnungsträger der Aufständischen steht inzwischen unter Hausarrest und ständiger Überwachung durch die Polizei, nachdem er im Anschluss an die Gebete in einer Moschee in Kairo von der Polizei festgesetzt wurde.

Massenarbeitslosigkeit im Urlaubsparadies

„Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten zu vertreten sowie Informationen und Ideen mit allen Kommunikationsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten,“ heißt es in Artikel 19 der 1948 erlassenen „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen. In Deutschland sind die Meinungs- und die Pressefreiheit zusätzlich über das Grundgesetz festgeschrieben, anderswo auf der Welt jedoch muss man, wenn man seine freie Meinung äußert, in ständiger Angst vor Verfolgung durch die Machthaber oder Regierenden leben. Dass Meinungs- und Pressefreiheit auch im 21. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit sind, zeigen die jüngsten Proteste von hauptsächlich jungen Menschen in Tunesien, welche sich hauptsächlich gegen die Massenarbeitslosigkeit in dem afrikanischen Land, in dem die Regierung über verschienene Kanäle versucht, die Medien zu ihren Gunsten zu beeinflussen, richten. Gerade deswegen ist das Internet für die Protestler in Tunesien, wie auch schon 2009 im Iran, das wichtigste Medium um untereinander, aber auch mit den Medien und der Weltöffentlichkeit zu kommunizieren. Doch auch das Internet ist dort lange nicht so sicher und so frei, wie wir es in unseren Sphären gewohnt sind.
 
Revolution auf der Straße
 
Begonnen hat alles am 17. Dezember 2010, als ein junger Hochschulabsolvent in der tunesischen Kreisstadt Sidi Bouzid den Freitod wählte, nachdem er weder einen Job fand, noch die Genehmigung erhielt, in seinem Heimatdorf Obst und Gemüse zu verkaufen. Was danach folgte, ist eine Eskalation, die es in dem afrikanischen Land schon seit Jahrzehnten nicht mehr gab. Inzwischen ist aus der ersten öffentlichen Trauer eine Protestbewegung geworden, die neben den ländlichen Regionen Tunesiens auch und vor allem die Ballungsräume und Touristenzentren an der Küste erreicht hat. Bis hinein in die Hauptstadt Tunis reichen die Proteste, die ein Aktivist der Protestbewegung als „außergewöhnlich“ bezeichnete, bereits. Zwar kommt es den ärmeren und ländlichen Regionen des Landes schon seit Jahren immer wieder zu Protesten gegen die hohe Arbeitslosigkeit, erstmals erreichen diese aber auch die Ballungsräume an der Küste des Landes. Immer mehr „brave Bürger“ gehen inzwischen auf die Straße, unter ihnen auch vermehrt Anwälte, Mediziner und sonst als so staatstreu geltende Journalisten sowie Mitglieder der Regierungs- und einzigen Volkspartei des Landes.
 
Grund für die Proteste ist vor allem die Massenarbeitslosigkeit in dem Land, welches aufgrund der Exportorientierung seiner Wirtschaft durch die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise schwer getroffen wurde. Zudem macht auch die chinesische Konkurrenz auf dem Textil- und Elektronikmarkt der Wirtschaft des Landes zu schaffen. Den vielen hochqualifizierten jungen Menschen fehlen bei einer Arbeitslosenquote von geschätzten 25%, in manchen Regionen sollen es sogar bis zu 50% sein, die Perspektiven für ein besseres Leben in dem Mittelmeerstaat.
 
Ein weiterer Faktor, der die Menschen auf die Straße treibt, ist der so genannte „Trabelsismus“, das mafiöse Kartell der tunesischen Präsidentengattin Leila Trabelsi, deren Familienmitglieder sich immer mehr lukrative Firmen aneignen, indem sie den Inhabern mit einem Besuch der Steuerfahndung drohen. Selbst die Einheitsgewerkschaft UGTT hat im Zuge der sich ausweitenden Proteste inzwischen einen landesweit rotierenden Streik beschlossen. Eine Entscheidung, mit der der Vorsitzende der Gewerkschaft sein Leben riskiert.
 
Die Regierung des Landes versucht die Proteste mit Gewalt zu ersticken, beorderte zuletzt sogar Panzer im Zentrum von Tunis, um gegen die Protestler gewappnet zu sein. Selbst bei friedlichen Protesten wie einem geplanten Sit-in auf der Prachtallee von Tunis sind zivile Einsatzkräfte vor Ort, die die Teilnehmer mit der Androhung von Gewalt verjagen oder diese gar mit Schlagstöcken und Fußtritten malträtieren. Bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten wurde vonseiten der Staatsmacht mit Tränengasgranaten, von Seite der Protestler mit Steinen, mancherorts auch mit Molotowcocktails und anderen Brandsätzen geworfen. Zur Abschreckung der Demonstranten wird von den Polizisten auch gezielt in die Luft geschossen, teilweise schießen die Polizisten aber auch direkt in die Menschenmenge. Allein bei den Protesten am letzten Wochenende sind Gewerkschaftsangeben zufolge bis zu 50 Menschen ums Leben gekommen, andere Quellen sprechen von bis zu 70 Toten. Regierungsangaben zufolge haben im Zuge der Proteste bisher 21 Menschen ihr Leben verloren. In manchen Krankenhäusern sollen aufgrund der vielen Verletzten die Blutkonserven bereits aufgebraucht sein.
 
Die tunesische Regierung lassen die Massenproteste jedoch nicht ganz so ungerührt, wie man es von einem der der perfektesten Überwachungsstaaten der Welt erwartet würde. Inzwischen wurde der tunesische Innenminister Rafik Belhaj Kacem durch Präsident Bin Ali seines Amtes enthoben, die während der Proteste der letzten Tage festgenommenen Demonstranten aus der Haft entlassen und Schulen und Hochschulen wurden aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres geschlossen.
 
Um die Proteste zumindest zu beruhigen, gab der tunesische Präsident Zine el-Abidine Ben Ali bekannt, dass bis zum Jahr 2012 insgesamt 300.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen, verunglimpfte die Proteste jedoch gleichzeitig als Terrorakte, die aus dem Ausland gesteuert würden und zum Ziel hätten, Tunesien zu schaden, was die Empörung der protestierenden Bevölkerung nur noch mehr anfachte, sodass sich inzwischen selbst hohe Funktionäre und Militärs von der Regierung distanzieren. Unbestätigten Meldungen zufolge soll die tunesische Armee Polizeieinheiten bereits daran gehindert haben, auf Demonstranten zu schießen.
 
Auch international wird Kritik an dem Vorgehen der tunesischen Regierung gegen die Protestbewegung laut: Die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Catherine Ashton verurteilte die Gewaltausübung der Polizei als „unverhältnismäßig“ und US-Außenministerin Hillary Clinton forderte in einem Interview mit dem Sender El Arabija dass sich die tunesische Regierung auf die Schaffung von Arbeitsplätzen für die jungen Einwohner des Landes Konzentrieren solle.
 
Revolution im Internet
 
Nicht nur auf der Straße liefern sich die tunesische Bevölkerung und die Regierung Kämpfe, auch im Internet sind beide Seiten auf Konfrontationskurs: Während bereits im April vergangenen Jahres bekannt wurde, dass die Regierung des Landes Seiten wie Flickr, YouTube und andere Videoportale sowie Voice-over-IP und andere Kommunikationsdienste blockiert, versucht die staatliche Internet-Behörde ATI inzwischen durch einen eingeschleusten JavaScript-Code auch an die Benutzerdaten und Passwörter von Social-Media Plattformen wie Facebook und Twitter zu gelangen, da eine Sperrung dieser ein zu deutliches Signal der Unterdrückung an die Bevölkerung des Landes darstellen würde, da inzwischen rund 10 Prozent der Tunesier diese Plattformen nutzen.
 
Opfer der Hack-Aktionen der ATI sind vor allem politische Aktivisten und Journalisten, aber auch Blogger klagen über verschwundene Seiten und Einträge auf diversen Plattformen. Nach Angaben der Website allafrica.com sollen in den letzten Wochen zudem mehr als 100 Facebook-Gruppen für tunesische Nutzer gesperrt worden sein. Auch das Microblogging-Portal Twitter ist von den Sperrungen durch die tunesische Regierung betroffen, so wurden Seiten, die auf den von der Protestgemeinde genutzten Hashtag #sidibouzid verwiesen, gesperrt, was jedoch noch mehr Protestpotenzial zu mobilisieren scheint, denn inzwischen hat sich die Hackergruppe Anonymus zum Ziel gesetzt, Websites tunesischer Behörden im Rahmen der "Operation Tunisia" zu attackieren.
 
Doch die Protestler sind im Internet keinesfalls sicher vor der Staatsmacht, denn diese versucht immer häufiger, sich über Social-Media Plattformen wie Facebook oder Twitter Zugang zu Informationen über die Dissidenten und Regimekritiker zu verschaffen, um die Strafverfolgung dieser zu ermöglichen. Ziel der Behörden ist hier ganz klar für Abschreckung zu sorgen, denn viele derer, die das Internet zu Protestzwecken nutzen, sind Hochschulabsolventen, die sich durch verschiedene Tools zur Anonymisierung und Verschlüsselung zu schützen wissen.
 
Infolge des massiven Eingriffs der tunesischen Regierung in die Privatsphäre der tunesischen Internetnutzer forderte die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) die Anbieter von Social-Media Plattformen und Onlinediensten auf, die Sicherheit der Daten ihrer Nutzer zusätzlich zu sichern, denn gerade das Vorgehen der tunesischen Internet-Behörte ATI zeige, wie gefährdet diese durch staatliche Eingriffe seien. Außerdem warnte die EFF in ihrem Aufruf die Internetnutzer davor, ungesicherte Verbindungen zu verwenden.